"Kirchenmusik ist für alle da" Abschied von Tjark Pinne


Am 15. Februar geht der Kirchenmusiker der Hauptkirche St. Nikolai, Tjark Pinne, neue Wege: Ab März wird er Domorganist in Oslo sein und wird dort unter anderem auch die Eröffnung einer neuen Kulturkirche mitverantworten.

Seit Anfang 2022 hat Tjark für die Gemeinde am Klosterstern eine Vielzahl von musikalischen Angeboten dargeboten – von klassischen Orgelkonzerten bis hin zu Formaten wie „Glitter and be Gay!“ zum Christopher-Street-Day in Hamburg sowie Orgel:Lounges und Orgel:Talks, um das Musikinstrument einer breiteren Masse nahezubringen. 

Wir sprachen mit Tjark vor seinem Abschied über seine Zeit in Hamburg und die Dinge, auf die er mit Stolz zurückblickt. 

Christian Schierwagen: Lieber Tjark, danke für deine Zeit! Du hast die Restaurierung und Erweiterung der Orgel hier in St. Nikolai begleitet. Ein sehr bedeutendes Projekt! Was bedeutet es für dich und auch die Gemeinde? 

Tjark Pinne: Die Erweiterung der Orgel an St. Nikolai ist eine besondere Geschichte. Die Gemeinde hat zehn Jahre auf das Instrument gewartet und sogar einen Fundraiser engagiert, um das Geld zu sammeln. Die Nikolai-Orgel ist eine unglaubliche Erweiterung der Hamburger Orgellandschaft: Eine Orgel, die einerseits eine Restaurierung des neobarocken Instruments von 1962 ist und gleichzeitig eine innovative Erweiterung in die Moderne, wie man sie nirgendwo anders findet: mit flexibel steuerbarem Winddruck und sogar einem in die Orgel integrierten Schlagzeug! 

Für mich selbst war der Orgelbau eine besondere Zeit, weil ich zu der Zeit alleiniger Kirchenmusiker hier in St. Nikolai war. Außerdem war es meine erste Stelle nach dem Studium. Gleich so ein großes Projekt zu begleiten, der Austausch mit den tollen Kolleg*innen und Orgelbauern – da habe ich viele Erfahrungen mitnehmen können und bin bis heute ganz begeistert von diesem tollen Instrument. 

Schierwagen: Apropos Instrument – was hat dich inspiriert, Orgel zu lernen? 

Pinne: Ich habe relativ spät mit dem Klavierspiel angefangen und erst mit zwölf Jahren meinen ersten Unterricht bekommen. Als ein Jahr später unser Wohnzimmer renoviert wurde, konnte ich auf einmal nicht mehr üben und meine Klavierlehrerin ist stattdessen mit mir an die Orgel gegangen. Das war der Platz, an dem ich sein und bleiben wollte. Zuerst fand ich es toll, abends alleine in der Kirche zu üben – und laut zu spielen. Dann habe ich entdeckt, dass sich in der Orgel ein ganzes Orchester versteckt, das man ganz alleine spielen kann. Das macht süchtig! 

Schierwagen: Mit Formaten wie der Orgel:Lounge und Konzerten mit queerer Musik hast du dann ganz neue Wege beschritten. Was hat dich dazu bewegt und wie hat das Publikum diese Formate aufgenommen? 

Pinne: Kirchenmusik ist für alle da – davon bin ich überzeugt. Die Orgel ist ein so tolles Instrument, das wir Menschen zeigen müssen und da stellte sich mir die Frage: Wie können wir das machen? Das funktioniert nicht nur durch klassische Orgelkonzerte, die wir natürlich brauchen, sondern auch durch Dinge, die „out of the box“ sind. Ich möchte als Künstler nahbar sein, mit Menschen über Musik ins Gespräch kommen, daher auch Angebote wie die Orgel:Talks. Ich habe so viele tolle neugierige Fragen bekommen und die Formate wurden sehr gut aufgenommen. Es sind neue Wege, mit denen wir andere Menschen erreichen. 

Kirche muss ein Raum für alle sein und deswegen wollte ich Konzerte zum CSD veranstalten und dort queere Komponist*innen spielen. Mit den Konzerten wollte ich auch zeigen, dass Kirche Vielfalt feiert und dass queere Menschen in der Kirche natürlich willkommen sind. Für mich ist es wichtig, auch mit den Menschen, die selten in Kirche sind in den Dialog zu kommen: Wer sind wir, was erwarten wir von Kirche, was sind unsere Wünsche? 

Schierwagen: In Hinsicht auf beispielsweise aktuelle Forderungen der AfD, politische Queerbeauftragte abzuschaffen: Welchen Herausforderungen müssen sich queere Menschen in der aktuellen Zeit stellen und inwiefern stellt Kirche hierfür eine Unterstützung dar? 

Pinne: Ich glaube, dass es gerade in der aktuellen politischen Lage sehr wichtig ist, dass wir als queere Menschen sichtbar sind und da sehe ich zum Glück, dass kirchlich in Hamburg mittlerweile auch viel passiert. Wir dürfen uns nicht zurückziehen und uns von der AfD kleinmachen lassen. 

Schierwagen: Am 1. März trittst du deine neue Stelle als Domorganist in Oslo an. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen und auf welche Herausforderungen freust du dich? 

Pinne: Ich bin nun drei Jahre lang Kirchenmusiker an der St. Nikolai gewesen und das hätte ich noch lange weitermachen können, aber es war Zeit für etwas Neues, für neue Entdeckungen. Ich habe in Hamburg, Göteborg und Toulouse studiert und finde den internationalen Austausch sehr spannend. Domorganist in Oslo zu werden ist eine große Ehre und der Osloer Dom ein spannender Arbeitsplatz, an dem ich viel gestalten können werde.

Ich freue mich schon darauf, viel Neues über Norwegen und die norwegische Kirche zu lernen. Eine spannende Herausforderung wird es sein, über die Frage nachzudenken, wie wir Kirchenmusik in die Zukunft führen und die Kirche insgesamt weiterentwickeln können. Zu diesem Thema möchte ich mit vielen Menschen im Dialog sein und gemeinsam aktiv gestalten. 

Schierwagen: Worauf bist du mit Blick auf deine Zeit in Hamburg besonders stolz? 

Pinne: Ich bin sehr glücklich darüber, so viele Menschen mit meiner Orgelmusik erreicht zu haben, insbesondere diejenigen, die vielleicht vorher nicht regelmäßig zu Konzerten oder Gottesdiensten gegangen sind. Ich hoffe, dass diese Arbeit fortgesetzt wird und bin mir sicher, dass viele weitere tolle Projekte kommen werden. 

Ich bin sehr dankbar über den Austausch mit vielen wundervollen Kolleg*innen – nicht nur in der St. Nikolai, sondern in der ganzen Stadt. Toll, dass es so viele Menschen gibt, die mit viel Energie die Zukunft der Kirche gestalten!

Am 15. Februar, um 16.30 Uhr in der Hauptkirche St. Nikolai, verabschieden wir Tjark Pinne mit einer feierlichen Andacht und einem Konzert mit anschließendem Empfang.